Katastrophe im Kinderzimmer

Fachbeitrag

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Schulform
Grundschule
Erschienen am 26.12.2013
Dateigröße 68,4 kB
AutorInnen Christine Kammerer

Beschreibung

Bildquelle: fotolia.com / Oleksiy Drachenko

Ob Krieg oder Tsunami - Katastrophen bedeuten Angst, Verlust, Trennung, Unglück und großes Leiden. Kinder erleben solche medialen Schreckensbilder besonders intensiv. Sie empfinden das Gesehene als bedrohlich und reagieren ängstlich. Zwar können sie im Grundschulalter in der Regel schon zwischen Realität und Fiktion unterscheiden, aber sie können eben nicht mit den schlimmen Dingen umgehen, die ganz real passieren. Reale Horrorszenarios machen Kinder sogar betroffener als fiktive. Ihre Vorstellungskraft ist stark ausgeprägt, so stark, dass sie sich selbst in die Menschen, in die Situation hinein versetzen und es in dieser Vorstellung auch die eigene Familie sein könnte, die von den schrecklichen Ereignissen betroffen ist. Die Katastrophe findet für sie nicht irgendwo in einem fernen Land statt, sondern mitten im Kinderzimmer.


Vorbelastete Kinder leiden besonders

Besonders Kinder, die in der eigenen Familie schon eine Trennungs- und/oder Verlustsituation wie Tod oder Scheidung erlebt haben und dadurch bereits existenziell verunsichert sind, leiden erheblich an der Belastung. Sie reagieren mit Hilflosigkeit, Überängstlichkeit oder psychosomatischen Beschwerden wie Kopf- und Magenschmerzen oder Schlafproblemen. Sozialer Rückzug, Verschlossenheit, erhöhte Nervosität und Leistungsabfall können Hinweise auf unverdaute Erlebnisse sein. Generell zeigt eine plötzliche und auffällige Verhaltensänderung häufig eine seelische Belastung an. Diese Kinder entwickeln dann unter Umständen das bedrückende Gefühl, in einer bedrohlichen Welt ohne Sicherheit und Geborgenheit zu leben.

Auch Kinder, in deren Lebenswelt der Fernseher eine allzu große Rolle einnimmt, sind gefährdet. Ihr Gefühlsleben dreht sich Tag und Nacht um das Mediengeschehen. Hier sind vor allem die Eltern in der Pflicht, den Medienkonsum ihrer Sprösslinge nicht grenzenlos und unbeaufsichtigt zu tolerieren und die kindliche Betroffenheit erst einmal wahrnehmen und dann darauf angemessen zu reagieren.


Die emotionale Verarbeitung des Erlebten

Natürlich muss und kann man Kinder auch nicht abschirmen und beschützen vor dem, was im wirklichen Leben da draußen an schlimmen Dingen passiert. Spätestens im schulfähigen Alter bekommen sie durch Mitschüler/-innen und die allgegenwärtigen Massenmedien sowieso vieles mit. Und sie spielen das Erlebte nach. So ist es bei Kindern aller Kulturen sehr beliebt, Kriegsszenen nachzustellen. So sehr dies bei uns gesellschaftlich verpönt ist, es ist oft einfach ein Ritual der Bewältigung von passiv und bei Kriegsflüchtlingen sogar manchmal unmittelbar Erlebtem, das emotional nicht verarbeitet werden konnte. Es ist für die weitere Entwicklung dieser Kinder sehr wichtig, mit diesen starken Emotionen umzugehen und sie in irgendeiner Form äußern zu lernen. Hier können zum Beispiel gezielt Rollenspiele eingesetzt werden, aber auch im Unterricht gemalte Bilder helfen, das unverarbeitete innere Geschehen ans Tageslicht zu bringen. In einem Gespräch über die Bilder sollte dann - ohne selbst zu deuten - geklärt werden, was die Kinder bewegt, was das Dargestellte für sie selbst bedeutet.


Tabuthema Tod

Auch der Tod kann kein Tabu bleiben. Kinder sollten in einer Gesprächsrunde die Möglichkeit bekommen, ihre Fragen offen zu stellen und, soweit das möglich ist, beantwortet zu bekommen. Doch was ist mit Fragen wie "Kann so etwas auch bei uns passieren?" Auch da sollte man aufrichtig bleiben, doch gleichzeitig den Schrecken durch sachliche und logisch nachvollziehbare Argumente zu relativieren versuchen. Ein "Nein, auf gar keinen Fall!" enttarnen Kinder sofort als das, was es ist, ein "Beruhigungsmittel". Es nimmt ihnen weder Sorgen noch Angst. Umgekehrt gilt: Fragen, die nicht gestellt werden, sollten auch nicht beantwortet werden. Und obgleich Kinder in einem gewissen Alter gerne alles ganz genau wissen wollen, sollte man auch nicht zu sehr ins Detail gehen, zum Beispiel was die Anzahl der Toten betrifft, denn das stachelt die Fantasie der Kleinen nur unnötig an. Es geht in einem solchen Gespräch weniger darum, die Kinder rational aufzuklären, als ihre Gefühle in der stützenden Gemeinschaft der Klasse zur Sprache kommen zu lassen.

Kinder identifizieren sich sehr stark zum Beispiel mit den Schicksalsschlägen der betroffenen Eltern und Kinder. Massenmedien tendieren hier dazu, die Ereignisse aus der sensationellsten Perspektive zu beleuchten und die ist für Kinder meist wenig tröstlich. Die Vorstellung, dass Menschen geliebte Angehörige verlieren, vielleicht sogar Mutter oder Vater, dass sie keine Wohnung und keine Arbeit mehr haben, ist ungeheuer belastend. Dem sollte man eine realistische, aber optimistische Perspektive gegenüberstellen. Dies kann dadurch geschehen, dass man die Geschichte zusammen mit den Kindern weiter spinnt und ein gutes Ende daraus entwickelt, zum Beispiel indem man auch anhand von Internet-Quellen aufzeigt, wie den Opfern von den Hilfsorganisationen geholfen wird, damit sie nicht hungern müssen oder krank werden und bald wieder ein Dach über dem Kopf haben. Auch die ARD- und ZDF-Kindernachrichten-Sendungen "logo!" und "neun 1/2" bieten hier immer wieder interessante und kindgerecht aufbereitete Informationen.


Wege aus der Ohnmacht

Nichts ist schlimmer für Kinder, als die schreckliche Hilflosigkeit und die Ohnmacht, die sie angesichts einer solchen Katastrophe verspüren. Es hilft ihnen sehr, in dieser Situation aktiv etwas tun zu können, zum Beispiel indem sie Spenden sammeln, um ganz gezielt Not zu lindern. Sie lernen dadurch auch, dass sie gar nicht so hilflos sind, sondern schon einiges dazu beitragen können, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Sie verstehen aus der eigenen Betroffenheit am besten, was gelebte Solidarität und Mitmenschlichkeit sind. Und sie begreifen in einem solchen Zusammenhang den Sinn einer gemeinsamen Schweigeminute als Zeichen der inneren Verbundenheit mit den Opfern sehr gut und werden sicher mit viel Mitgefühl eine Kerze anzünden. Auch eine ritualisierte Fürsprache für die betroffenen Menschen werden sie gerne annehmen. Kinder lieben solche Rituale, sie helfen ihnen dabei, Erlebtes zu verarbeiten.


Die Autorin

Christine Kammerer, Politologin M. A., Heilpraktikerin (Psychotherapie), Kunsttherapeutin (BVPPT). Berufliche Stationen: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Kinderschutzbund.